Stadttheater Giessen
    Geistliche Musik beim Sinfoniekonzert im Stadttheater

    Geistliche Musik beim Sinfoniekonzert im Stadttheater

    Zwei gegensätzlich anmutende Vokalwerke geistlichen Inhalts bot das achte Sinfoniekonzert am Mittwoch im Stadttheater: Johann Sebastian Bachs Missa A-Dur und Gioacchino Rossinis »Stabat Mater« - lutherisches Barock und italienische Opernromantik.

    Während der Musentempel vom Frühlings-Blütenduft des Parks durchweht war, eröffneten jedoch ganz weltliche Klänge den Abend: In Georg Philipp Telemanns »Concerto in Re per tre corni da caccia ed archi« stellten sich vier Studenten der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst als Solisten vor, begleitet von Kammerbesetzung der Philharmonie: Jan Braun, Silke Kejer, Susanne Lorenz (Hörner) sowie Lisa Bergmann (Oboe). Das Holzblasinstrument übernahm hier die Geigenstimme, deren Eigenheiten in den Figuren des Schlusssatzes hervortraten. Reizvoll das Adagio, in dem die Oboe ein melodiöses Solo bot, während das Streicher-Pizzicato die Lautenbegleitung imitiert. Ein höfisch-unterhaltsamer Einstieg, eine gelungene Probe für das Zusammenspiel. Dass die Oboe das Tempo gelegentlich ein wenig zu hastig nahm, fiel nicht sonderlich ins Gewicht.

    Als von hohem Anspruch an die Besetzung erwies sich die Bach-Missa BWV 234, eine von vier so bezeichneten Kompositionen des Thomaskantors. Chordirektor Jan Hoffmann leitete ein kleines Instrumentalensemble mit führender Geigenstimme und B. C. (Kontrabass, Orgelpositiv) sowie acht Choristen und drei Sängersolisten. Links postiert waren jeweils zwei Sopran- und Altstimmen (Neivi Martinez, Eun Mi Suk sowie Heike Heber und Sora Korkmaz), zur Rechten ebenso Tenor und Bass (Sang Kiu Han, Catalin Mustata sowie Chi Kyung Kim und Vito Tamburro). Das einleitende »Kyrie« mit einem getragenen »Christe eleison« und das bewegte »Gloria« mit seinen lebhaften dynamischen Wechseln und Koloraturen machte bereits eine Problematik deutlich: Die Männerstimmen wirkten im Ensemblegesang homogener als die Frauen. Bei dem Solistentrio gefiel Sopranistin Odilia Vandercruysse mit dem einfühlsamsten Duktus; sehr ansprechend ihr Solo zur ruhigen Begleitung mit zwei Flöten in »Qui tollis«. Anne Catherine Wagners Alt war mit stark divergierender Färbung in den unterschiedlichen Tonlagen gewöhnungsbedürftig; nachdrücklich expressiv ihr Vortrag des »Quoniam«, begleitet von Streicherfiguren. Im »Domine deus« imponierte zu Geigen und B. C. Stephan Bootz (Bass); seine flackerige Stimmführung und unruhige Motorik wirkten zuweilen etwas störend. Das angestrebte ausgewogene Klangbild erwies sich als stellenweise recht heikles Unterfangen. Das abschließende »Cum sancto spiritu« versöhnte.

    Die ganze Palette von musikgewordenem Schmerz und opernhaftem Glanz entfaltete sich dann in Rossinis »Stabat Mater«. Hier sorgten perfekt vorbereitete Chöre (Stadttheater, Konzertverein, Wetzlarer Singakademie) zusammen mit einem bestens aufgelegten Philharmonischen Orchester sowie Glanzlichtern in der Solistenriege für ein rundes Erlebnis.

    Ein düsterer Einstieg von geradezu wagnerscher Qualität mit dramatischen Steigerungen führte in eine theatrale Musikwelt ein. Die vier Solisten kamen zum Zuge: Cordula Berners leuchtender Sopran, Giuseppina Piuntis dramatischer Mezzosopran, Adrian Xhema, dessen Tenor zuerst etwas dünn klang, doch zunehmend an Belcanto-Glanz gewann, sowie Bass Adrian Gans, der mit der massiven Kraft seines Organs das Orchester übertönte und die Grenzen der Akustik des Hauses erprobte. Schwingend erklang das Torquam tristis, in dem Xhema Schmerz und Emphase zu vergegenwärtigen suchte; hier ließ Verdi grüßen. Eine schöne Orchestereinleitung mit Hornterzen und Klarinette gab es vor dem Quartett »Sancta mater«, in dem besonders Piunti mit ihrer tragenden Stimme und eindrucksvollem Umfang faszinierte (»Fac me vere«). Hervorzuheben der qualitätvolle, präzise und fein abgestufte A-cappella-Chor des »Quando corpus morietur«. Im letzten Teil nimmt Rossini das düstere Leidensmotiv aus dem Beginn mit auf und offeriert noch einmal seine geballte Tonkunst inklusive einer machtvollen Chorfuge. Jan Hoffmann zog spannungsreich das Tempo an und malte mit dem gesamten Ensemble ein prächtiges Schlussbild. Olga Lappo-Danilewski, 21.04.2011, Gießener Allgemeine Zeitung